Jugendhilfe-aktuell: Herr Fink, zwischen November 2025 und Mai 2026 haben Sie 55 Jugendämter beziehungsweise Jugendhilfeausschüsse in Westfalen-Lippe besucht. Was war die Idee hinter dieser Tour – und warum war sie direkt nach der Kommunalwahl besonders wichtig?
Thomas Fink: Mit Beginn einer neuen Rats- beziehungsweise Kreistagsperiode kommen viele neue Mitglieder in die Jugendhilfeausschüsse. Gleichzeitig ist das politische Spektrum heute breiter denn je. Die Kinder- und Jugendhilfe ist ein äußerst komplexes Handlungsfeld, das gerade für ehrenamtliche Mitglieder und beratende Funktionsträgerinnen und Funktionsträger zunächst nicht leicht zu überblicken ist. Deshalb ist der Start einer Wahlperiode aus meiner Sicht genau der richtige Zeitpunkt, um Orientierung zu geben, Rollen zu klären und ein gemeinsames Verständnis für die Aufgaben des Jugendhilfeausschusses zu schaffen.
Jugendhilfe-aktuell: In den Workshops ging es um Rechte und Pflichten der JHA-Mitglieder, aber auch um die großen Herausforderungen der Kinder- und Jugendhilfe. Welche Themen haben die neuen Ausschüsse besonders beschäftigt?
Thomas Fink: Mich hat besonders beeindruckt, mit welchem Interesse sich die Mitglieder für die Lebenslagen, Bedürfnisse und Wünsche von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien eingebracht haben. Der Kinderschutz war in nahezu allen Veranstaltungen ein zentrales Thema. Gleichzeitig wurde immer wieder die Frage gestellt, wie die Jugendämter angesichts knapper werdender finanzieller Ressourcen den wachsenden Herausforderungen auch künftig gerecht werden können. Dieses Spannungsfeld wird die kommunale Jugendhilfe in den kommenden Jahren sicherlich intensiv begleiten.
Jugendhilfe-aktuell: Sie haben mehr als 1.700 Teilnehmende erreicht – von ehrenamtlichen Ausschussmitgliedern bis zu Leitungskräften der Jugendämter. Gab es Begegnungen oder Rückmeldungen, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Thomas Fink: Besonders gefreut hat mich, wie viele junge Menschen Verantwortung übernommen haben – sei es für ihre Partei, einen Verband oder einen freien Träger. Insgesamt habe ich eine sehr gute und ausgewogene Altersmischung in den Jugendhilfeausschüssen erlebt. Vor allem die vielen Gespräche vor den Veranstaltungen, in den Pausen oder im Anschluss haben mir gezeigt, wie groß das Interesse ist, die Kinder- und Jugendhilfe vor Ort aktiv mitzugestalten. Dieses Engagement stimmt mich sehr optimistisch.
Jugendhilfe-aktuell: Ein zentrales Anliegen der Veranstaltungen war die Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfeausschuss und Verwaltung. Haben Sie den Eindruck, dass die Workshops hier tatsächlich etwas angestoßen haben?
Thomas Fink: Ein einzelner Workshop kann natürlich nur ein Baustein sein – bestenfalls ein solides Fundament für eine vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit. Umso mehr haben mich Rückmeldungen aus einigen Jugendämtern gefreut, dass sich die Gesprächs- und Sitzungskultur im Jugendhilfeausschuss tatsächlich positiv verändert hat. Wenn ein solcher Workshop dazu beitragen kann, das gegenseitige Verständnis zu stärken und die Zusammenarbeit zu verbessern, dann haben wir viel erreicht.
Jugendhilfe-aktuell: Die Evaluation der Jugendämter fiel insgesamt sehr positiv aus. Welche Erkenntnisse nehmen Sie daraus für künftige Unterstützungsangebote des Landesjugendamtes mit?
Thomas Fink: Über die vielen positiven Rückmeldungen habe ich mich natürlich sehr gefreut. Gleichzeitig war die Tour für mich selbst eine große Lernreise. Schon während der Termine habe ich viele Ideen, Anregungen und Verbesserungsvorschläge auf einem großen Notizzettel gesammelt. Diese Erfahrungen werden wir nutzen, um das Angebot bei der nächsten Kommunalwahl weiterzuentwickeln. Denn auch gute Konzepte können immer noch ein Stück besser werden.
Jugendhilfe-aktuell: Wenn Sie auf die nächsten fünf Jahre der kommunalen Kinder- und Jugendhilfe blicken: Was wünschen Sie sich von den neuen Jugendhilfeausschüssen – und welche Botschaft möchten Sie den Mitgliedern mit auf den Weg geben?
Thomas Fink: Ich wünsche mir gute, sachliche und engagierte Debatten – immer mit dem Ziel, die Lebensbedingungen von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien zu verbessern. Die kommenden Jahre werden nicht einfach: knappe kommunale Haushalte, Fachkräftemangel und der demografische Wandel werden viele Entscheidungen erschweren. Trotzdem bin ich optimistisch. Ich habe auf meiner Tour viele engagierte Menschen kennengelernt, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam neue Wege zu finden. Genau diesen Mut und diese Gestaltungsbereitschaft werden wir in der Kinder- und Jugendhilfe brauchen.