Interview: Neue Fachstelle stärkt den Gewaltschutz
Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Gewalt, sei psychische, sexualisierte, digitale, strukturelle und institutionelle Gewalt, Machtmissbrauch, Beschämung, Ausgrenzung oder Vernachlässigung, ist eines der wichtigsten Themen des LWL-Landesjugendamtes Westfalen. Gleichzeitig ist dieses Thema komplex und erfordert Wissen und vielschichtige Ansätze, um jungen Menschen die Räume zu bieten, in denen sie behütet aufwachsen können. Die neue Fachstelle Gewaltschutz greift daher Mitarbeitenden von stationären und teilstationären Einrichtungen unter die Arme, berät bei prozessbezogenen Fragen und bietet Orientierung. Im Interview erklärt LWL-Fachberaterin Ayse Musanovic, für wen die Fachstelle genau die richtige Anlaufstelle ist.
Jugendhilfe-aktuell: Frau Musanovic, was kann ich mir unter der neuen Fachstelle Gewaltschutz beim Landschaftsverband Westfalen vorstellen?
Ayse Musanovic: Die Fachstelle Gewaltschutz ist ein ergänzendes Beratungs- und Unterstützungsangebot des LWL-Landesjugendamtes Westfalen. Gefördert werden wir durch das Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration (MKJFGFI). Auf Fragen zum strukturellen Gewaltschutz in stationären und teilstationären Einrichtungen sowie sonstigen betreuten Wohnformen der Kinder- und Jugendhilfe mit einer Betriebserlaubnis (§ 45 SGB VIII) haben wir die passenden Antworten. Bei uns stehen also genau die Einrichtungen und Angebote im Mittelpunkt, in denen junge Menschen leben, betreut und begleitet werden.
Mit unserer Arbeit wollen wir dazu beitragen, für junge Menschen sichere Orte, Schutz- und Kompetenzräume in ihren Einrichtungen zu schaffen. Das bedeutet vor allem, dass Kinder und Jugendliche beteiligt werden, Vertrauen entwickeln können und mit ihren individuellen Erfahrungen, Bedürfnissen und Ressourcen gesehen werden.
Jugendhilfe-aktuell: An wen genau richtet sich das Angebot der Fachstelle Gewaltschutz? Mit welchen Fragen und Herausforderungen kann man sich an Sie wenden?
Ayse Musanovic: Wir bieten die Qualifizierung und Fachberatung zur (Weiter-)Entwicklung und Implementierung von Gewaltschutzkonzepten in Institutionen an. Daher stehen wir Trägern von betriebserlaubnispflichtigen Angeboten und deren Mitarbeitenden zur Qualitätssicherung und -entwicklung von Gewaltschutzkonzepten in Westfalen zur Seite. Dabei geht es häufig um ganz praktische Fragen u. a.: Wie kann ein Gewaltschutzkonzept im Alltag tatsächlich gelebt werden? Wie müssen Beschwerdewege aussehen, damit junge Menschen sie verstehen und nutzen können? Was braucht ein Team, um einen sicheren Umgang mit Grenzverletzungen, Verdachtsmomenten oder Unsicherheiten gemeinsam zu entwickeln?
Ein umfassender Gewaltschutz ist ein komplexer Prozess und erfordert einen ganzheitlichen Blick – manchmal auch von außen. An dieser Stelle setzen wir an. In unserer Beratung gehen wir gemeinsam mit Mitarbeitenden der Einrichtungen durch, an welcher Stelle Gewaltschutzkonzepte implementiert oder auch einfach vertieft werden können. Oft sind bereits gute Ansätze da und es geht nur noch um den Feinschliff. Manchmal braucht es ein bisschen mehr Orientierung – beide Fälle finden bei uns Gehör und Unterstützung.
Zugleich wollen wir Fachkräfte in ihrer Handlungssicherheit und Reflexionsfähigkeit im Umgang mit komplexen Schutzfragen stärken. Dafür braucht es primär trägerintern ein gemeinsames Verständnis von umfassendem Gewaltschutz, klare Verfahren und eine Haltung, die Kinder und Jugendliche als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebenswelt ernst nimmt.
Jugendhilfe-aktuell: Woran zeigt sich denn überhaupt ein wirksamer Gewaltschutz für Kinder und Jugendliche in Einrichtungen, Frau Musanovic?
Ayse Musanovic: Wirksamer Gewaltschutz zeigt sich immer dann, wenn junge Menschen im pädagogischen Alltag verlässliche Beziehungen, klare Ansprechpersonen und verständliche sowie schützende Abläufe erleben. Fühlen sich Kinder und Jugendliche sicher, gehört und unterstützt, machen wir unsere Arbeit richtig.
Dazu zählt beispielsweise auch, dass junge Menschen wissen, welche Rechte sie haben, und erleben, dass ihre Meinung zählt. Das ist ein ganz wichtiger Schritt hin zur eigenen Selbstwirksamkeit! Es geht darum zu wissen: Ich kann Sorgen und Bedenken jederzeit frei äußern. Ich werden mit meinem Anliegen ernst genommen und erhalte nachvollziehbare Rückmeldungen. Ich habe Erwachsene an meiner Seite, die verlässlich sind, die hinschauen, zuhören und Verantwortung übernehmen.
Eine gute Fragestellung bei all der konzeptionellen Rahmung ist deshalb: Was braucht dieser junge Mensch, um sich (wieder) sicher zu fühlen, Vertrauen aufzubauen, Stabilität zu erleben, in seiner Entwicklung gestärkt und vor Gewalt geschützt zu werden?
Jugendhilfe-aktuell: Die Fachstelle Gewaltschutz besteht nun seit Ende 2024. Haben Sie bereits Rückmeldungen zu Ihrer Arbeit und dem neuen Angebot erhalten?
Ayse Musanovic: Seit dem Start der Fachstelle nehmen wir wahr, dass das Thema Gewaltschutz die Einrichtungen sehr beschäftigt. Viele Träger, Leitungen und Fachkräfte arbeiten mit großem Engagement an Gewaltschutzkonzepten. Gleichzeitig zeigt sich, dass bei der konkreten Umsetzung im Alltag weiterhin viele Fragen entstehen und umfassender Begleitungsbedarf relevant wird.
Besonders häufig geht es darum, wie vorhandene Gewaltschutzkonzepte praxistauglich gemacht und weiterentwickelt werden können: Wie können Beteiligungs- und Beschwerdestrukturen gestärkt werden? Wie kann ein Team mehr Sicherheit im Umgang mit Grenzverletzungen, Verdachtsmomenten oder Unsicherheiten gewinnen?
Die bisherigen Erfahrungen bestätigen deshalb den Bedarf an fachlicher Orientierung, Qualifizierung und Austausch. Für die weitere Fachstellenarbeit wird es wichtig sein, Einrichtungen kontinuierlich in ihren Prozessen zu begleiten.
Entscheidend ist am Ende, dass junge Menschen geschützt und zugleich darin gestärkt werden, sich mit ihren individuellen Erfahrungen, Bedürfnissen und Ressourcen entsprechend entwickeln zu können.