UM DICH GEHT’S! Workshops zur Beteiligung in der Hilfeplanung
Im Trialog junger Menschen, Fach- und Leitungskräften öffentlicher und freier Träger
Wie kann Hilfeplanung so gestaltet werden, dass sie die Rechte junger Menschen auf Beteiligung einlöst? Welche Ideen haben Kinder und Jugendliche dazu und wie können Fachkräfte diese aufgreifen und die Praxis vor Ort entsprechend weiterentwickeln? Um diese Frage ging es in insgesamt sechs Workshops, die die NRW-Landesjugendämter Westfalen und Rheinland mit Jugendämtern, freien Trägern und jungen Menschen aus der stationären Erziehungshilfe umgesetzt haben. Der direkte Dialog mit den jungen Menschen als Adressat:innen stand im Mittelpunkt.
Inwiefern sich junge Menschen in der Hilfeplanung beteiligt fühlen und diese als für sich hilfreich mitgestalten können, ist ein zentraler Wirk- und Zufriedenheitsfaktor in den Hilfen zur Erziehung. Diese These ist unter Fachleuchten nahezu unstrittig. Dennoch klaffen der fachliche Anspruch und die Realität im Erleben junger Menschen oft weit auseinander – darauf machen auch Selbstvertretungen wie Jugend vertritt Jugend (JvJ NRW), die Stimme der jungen Menschen in Einrichtungen der Erziehungshilfe in NRW, immer wieder mit Nachdruck aufmerksam.
Junge Menschen in den Hilfen zur Erziehung zeigen gleichzeitig, dass sie vielfältige Ideen haben, wie sich Hilfeplanung und Hilfeplangespräche weiterentwickeln könnten, damit sie ihren Wünschen und Bedürfnissen besser gerecht werden und sie eine echte Chance auf Beteiligung haben. Dieses Potenzial sollten die Workshops heben und in praxisnahe Ansätze für eine Weiterentwicklung der Hilfeplanung unmittelbar auf der örtlichen Ebene übersetzen.
Die Fachstelle „Gehört werden!“, die in den beiden NRW-Landesjugendämtern Rheinland und Westfalen angesiedelt ist, entwickelte gemeinsam mit den Fachberatungen für den Schwerpunkt ASD/HzE/Hilfeplanung der beiden NRW-Landesjugendämter das Konzept für einen eintägigen Workshop auf regionaler Ebene der teilnehmenden Jugendämter. Im Rahmen eines Interessenbekundungsverfahren wurden die Jugendamtsbezirke Bielefeld, Bottrop, Essen, Herzogenrath sowie die Kreise Paderborn und Euskirchen ausgewählt, das Workshop-Konzept vor Ort durchzuführen.
Der Workshop wurde als eintägige Veranstaltung geplant. Teilnehmen konnten bis zu 30 Personen, die sich jeweils zu einer Hälfte aus jungen Menschen aus stationären Erziehungshilfen und zur anderen Hälfte aus Fach- und Leitungskräften des öffentlichen Trägers und des/der freien Träger zusammensetzten. Die Moderation des Tages übernahmen die Fachreferent:innen der Landesjugendämter.
In zunächst getrennten Arbeitsphasen und dann einem moderierten Austausch im Rahmen eines World-Cafés wurde der Frage nachgegangen, welche Rechte junge Menschen im Hilfeplanverfahren haben, wie diese umgesetzt werden und wie ihr Recht auf Beteiligung besser praktisch werden kann.
Wesentlich für eine kreative und offene Arbeitsatmosphäre war schon das Kennenlernen in der Gesamtgruppe mit auflockernden Spielen. Die Jugendlichen wussten es zu schätzen, nicht – wie sonst üblich – nur von sich und ihrem Leben zu berichten, sondern auch etwas von den Fachkräften zu erfahren. In getrennten Arbeitsgruppen setzten sich junge Menschen und Fachkräfte in Form eines Quiz mit den Rechten junger Menschen im Hilfeplanverfahren auseinander. Dies schuf eine wichtige Wissensgrundlage für den späteren gemeinsamen Austausch.
„Wie ging es Dir im letzten Hilfeplangespräch?“ Zu dieser Frage konnten die jungen Menschen Emojis auswählen und ihre Gedanken und Gefühle auf Karten zum Ausdruck bringen. Die Bereitschaft, davon zu berichten, war auf Seiten der jungen Menschen hoch. Sie bot die Chance, die eigenen Erfahrungen mit Hilfeplangesprächen zum Ausdruck zu bringen und damit gesehen zu werden – was sie im Alltag keinesfalls als Selbstverständlichkeit erfahren.
Auch die Fachkräfte waren eingeladen mit den Emojis auszudrücken, wie sie Kinder oder Jugendlichen in ihrem letzten Hilfeplangespräch wahrgenommen haben. Eine Zusammenstellung aller Emojis zeigte sowohl auf Seiten der jungen Menschen als auch der Fachkräfte Schatten in Form von
Ohnmacht, Hilflosigkeit, Wut, aber ebenso – wenn auch nicht in gleichem Umfang – Licht in Form positiver Begegnungen, Lob und Wertschätzung.
Was können wir dafür tun, dass junge Menschen ihre Rechte in der Hilfeplanung kennen und diese eingehalten werden? Wie kann das Hilfeplangespräch gut vorbereitet werden, was brauchen Kinder und Jugendliche dazu? Wie kann das HPG selbst gut gestaltet werden, welche Rahmenbedingungen sind wichtig, damit Kinder und Jugendliche sich wohlfühlen und einbringen können? Um welche Inhalte sollte es gehen, wie können gute und passende Ziele gefunden werden? Und was ist nach dem HPG wichtig, damit es gut weitergeht? Diese Fragen wurden im Rahmen eines World-Cafés an verschiedenen Tischen zwischen jungen Menschen und Fachkräften diskutiert. Ein offener Tisch ließ gezielt Raum für weitere Fragen, Ideen und Gesprächsbedarfe.
Wie kann der Übergang gestaltet werden, wenn es neue Ansprechpersonen im Jugendamt gibt, war an allen Standorten eine für die Jugendlichen sehr relevante Fragestellung. Antworten darauf wurden auch entwickelt; so entstand z. B. die Idee, dass sich ein:e neue:r Sozialarbeiter:in im Jugendamt per Steckbrief bei den jungen Menschen bekannt macht und vorstellt.
Für die Aufklärung über ihre Rechte in der Hilfeplanung hatten die Kinder und Jugendlichen ein ganzes Bündel an kreativen Ideen: von einem Infofilm, über Broschüren in Aufnahmemappen zur Begrüßung, ausgehängte Plakate in den Wohngruppen oder Kinderrechte-Apps. Deutlich zum Ausdruck brachten sie, dass schriftliche Informationen alleine nicht ausreichen, sondern es auch Orte geben muss, um diese zu besprechen – mit den Betreuer:innen, auf Gruppenabenden.
„Kein Stress, kein Druck“ – solche Aussagen finden sich auf fast allen Plakaten, die die Ergebnisse aus den Diskussionsrunden zusammenfassten. Sie verdeutlichen, wie angespannt junge Menschen die Hilfeplangespräche häufig erleben. „Noch mal die Ziele mit der Betreuerin angucken“, „wichtig zu wissen, wer kommt“, „Themen, die ich (nicht) besprechen möchte, im Vorgespräch klären“ – all das sind Aspekte, die den jungen Menschen vorbereitend helfen können. Sie wünschen sich aber vor allem weniger Beteiligte, vertraute Menschen an ihrer Seite, eine miteinander besprochene Sitzordnung, Pausen und eine kürzere Dauer. Wichtig ist ihnen, dass die Hilfeplangespräche regelmäßig und möglichst in einem vertrauten Umfeld stattfinden. „Warum nicht auch mal draußen?“ war einer der Vorschläge. „Gespräch beginnen mit einer positiven Rückmeldung vom ASD“ – das schafft nicht nur eine wertschätzende Atmosphäre, es signalisiert auch, dass die Jugendamtsmitarbeitenden vorbereitet sind und die Vorberichte gelesen haben. Für viele jungen Menschen bietet sich damit auch ein einfacherer Gesprächseinstieg als mit der Frage „Wie geht es Dir?“. Ein HPG ist eben „keine Ausfragestunde“, wie es ein Teilnehmer ausdrückte!
Gesprächshelferkarten, die z. B. eine Pause oder eine rote Karte für ein Thema signalisieren, können sie unterstützen, das Gespräch ihren Bedürfnissen entsprechend zu beeinflussen. Die Fachstelle „Gehört werden!“ hat dazu bereits mit jungen Menschen Materialien und Vorlagen entwickelt, die positiv aufgenommen und verbreitet wurden: https://www.gehoert-werden.de/de/kinderrechte-einrichtungen/hpg/.
Beteiligung – so machten es die Kinder und Jugendlichen deutlich – heißt für sie, nicht nur gehört zu werden, sondern es bedeutet auch, an Entscheidungen beteiligt zu sein. Dabei geht es ihnen weniger darum, dass all ihre Wünsche umgesetzt werden, sondern dass sie mit diesen gesehen und wahrgenommen werden. Wenn zu ihren Vorstellungen und Perspektiven Stellung genommen wird und Entscheidungen erläutert und begründet werden, können ihnen auch ablehnende Entscheidungen könnnachvollziehbar erscheinen. Ihnen geht es um echtes Interesse, Wahrheit und Ehrlichkeit im Umgang mit ihren Wünschen und Bedürfnissen. Ergebnisse und Vereinbarungen sollten entsprechend am Ende eines Hilfeplangesprächs noch einmal benannt und zusammengefasst werden, damit sie für alle transparent sind. Ein positives Ende ist den jungen Menschen ebenso wichtig wie ein wertschätzender Anfang.
Große Diskussionen löste immer wieder das Thema „Ziele“ aus. Über die Bedeutung von Zielen für die Hilfe und ihr Leben herrschte nahezu Einverständnis. Gleichzeitig betonten die jungen Menschen, wie wichtig es ist, mit ihren Gefühlen gesehen zu werden und nicht nur im Hinblick auf vereinbarte Ziele „liefern zu müssen“.
Junge Menschen aus Wohngruppen haben sich auf den Workshops als sehr zielstrebig gezeigt. Diese Richtschnur geht aber verloren, wenn sie – was oft passiert – die vereinbarten Ziele gar nicht als ihre eigenen erleben oder ihnen deren Relevanz im Alltag verloren geht – weil es beispielsweise zu viele Ziele sind, weil diese lediglich aufgeschrieben, aber nirgendwo besprochen werden, weil unklar bleibt, wann ein Ziel als erreicht gelten kann und weil sie aus ihrer Sicht wenig Unterstützung in der schrittweisen Umsetzung erhalten. Wären diese Voraussetzungen gegeben, könnte auch für sie erfahrbarer werden, dass die Hilfeplanung nicht nur ein isoliertes Gespräch, sondern ein gemeinsamer Prozess ist und die HPGs entsprechend aufeinander aufbauen.
Nach dem HPG ist für die jungen Menschen Entspannung angesagt. „Einfach wieder ich sein“ – so brachte es ein Mädchen auf den Punkt. Für die Nachbereitung eines HPG ist den Jugendlichen u. a. bedeutsam, dass sie das Protokoll kennen und mit dessen Inhalt einverstanden sind. Ganz wichtig ist den Jugendlichen, dass getroffene Absprachen z. B. zur Klärung offener Fragen („Kann ich reiten gehen?“) eingehalten und keine leeren Versprechen gegeben werden. Weiterhin wünschen sie sich eine zeitnahe Nachbesprechung in der Wohngruppe und Möglichkeiten zur Nachbesprechung und Kontaktaufnahme mit dem Jugendamt zwischen den HPGs – auch um Unzufriedenheit und Beschwerden äußern zu können. Der Wunsch nach mehr Kontakten zum Jugendamt zog sich durch viele Rückmeldungen – Hilfeplanung ist „keine Einbahnstraße“ war ein Bild, das dieses zum Ausdruck bringt.
Insgesamt wurde an allen Workshop-Tagen deutlich: Hilfeplangespräche sind für die jungen Menschen keine Routine. Anstehende Gespräche können im Vorfeld Nervosität auslösen und beschäftigen die jungen Menschen auch im Anschluss an das Gespräch. Um einen Umgang damit zu finden, brauchen sie Begleitung und Unterstützung durch sensible Fachkräfte.
Im Nachgang zu den Workshops sind die teilnehmenden Jugendämter aufgefordert, die zum Teil sehr konkreten Ergebnisse zu sichten und in die Praxis zu übertragen. Ein Steckbrief soll dabei helfen, das genaue Vorgehen in jedem Jugendamtsbezirk zu planen und zu beschreiben. Bei Bedarf bieten die Landesjugendämter Beratung zur Umsetzung der weiteren Schritte an. In einem abschließenden Fachtag in der ersten Jahreshälfte 2027 sollen die regionalen Entwicklungen, Veränderungen und Ergebnisse vorgestellt und erste Erfahrungen wiederum gemeinsam mit jungen Menschen und Fachkräften aus den sechs Standorten diskutiert werden. So soll gewährleistet werden, dass junge Menschen nicht nur gehört, sondern ihre Stimmen auch Gewicht bekommen.